Beurteilungstendenzen aufspüren - ein Beurteilungsfall

Lückentextübung

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Herr Paulson leitet das Sozialamt Musterstadt. Gerade eben will er die Beurteilungen für seine drei Mitarbeiter/innen schreiben. Seine Gedanken dabei haben wir hier als einen inneren Monolog verkürzt aufgezeichnet.

„Also, das fing ja gut an heute morgen. Zuerst springt mein Auto nicht an und dann verpasse ich noch meinen Vorortzug. Mit einer Stunde Verspätung dann im Büro und dann: Kaum bin ich im Büro, will mich doch meine Sekretärin sprechen. Frau Schmidt will meine Abteilung verlassen! Sie hat ein Angebot aus der Vorstandsetage. Echt Sch..., ein großer Verlust - wir waren doch ein gut eingespieltes Team. Wie soll ich denn Frau Schmidt ersetzen; und als sie rausgeht, sagt sie doch noch lächelnd: Herr Paulson, denken Sie doch bitte an die Personalbeurteilungen, die sind überfällig! Da hat man doch morgens früh schon den Kaffee auf! Aber die Beurteilungen, die wollte ich eh heute machen.




Bei wem fange ich an; bei Frau Pieper, nein - was soll sich da groß geändert haben; da kann ich ja sicher die alte Beurteilung weitgehend übernehmen, die Frau Pieper ist ja schon 10 Jahre in meinem Bereich.




Aber Peter Dickmann, mit dem fange ich mal mit an. Herr Dickmann sitzt auf einer A 9 Stelle. Er kam ja vor zwei Jahren zu uns frisch aus dem Studium, im ersten Halbjahr hat er ja echt kämpfen müssen. Da gab es schon den ein oder anderen Antrag, der zu lang liegen blieb. Aber jetzt bringt er schon seine Arbeitsmenge - so wie die anderen auch. Also, ich kreuze mal hier bei Arbeitsmenge „entspricht den Anforderungen“ an.



Die Qualität seiner Leistungen ist ja im Grunde okay. Die erfolgreichen Widersprüche liegen im Rahmen und große anderen Klagen habe ich auch nicht gehört. Obwohl: Bei dem Fall Ruchalla, da war ja Herr Dickmann beteiligt. Das hat dem Hause schon geschadet, dass die Presse diesen Fall so groß aufgegriffen hat. Einem erfahrenen Fuchs wäre das sicherlich nicht so passiert.



Also, bei der Arbeitsqualität würde ich ihm ein „entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen“ geben, der Junge muss sich ja noch verbessern können.




Beim Punkto Arbeitsplanung also, da fällt mir schon ein, wie sein Schreibtisch aussieht. Ich persönlich könnte ja in so einem Chaos nicht arbeiten! Da würde ich ja nie etwas finden! Also, für ein ökonomisches Verhalten spricht das sicherlich nicht, das wird er ja wohl auch einsehen. In Punkto Arbeitsplanung gebe ich ihm ein „entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen“.




Ach hier: Kommunikationsfähigkeit - ach ja: Reden kann er schon, obwohl es ihm manchmal schwer fällt auf den Punkt zu kommen. Das ist nicht sein Problem, aber der schriftliche Ausdruck. In der Vorlage, die er in der letzten Woche für den Verwaltungsvorstand gefertigt hat, da waren schon einige Klöpse drin - vor allem im Satzbau und in der Zeichensetzung; gut, dass ich sie mir sie so genau noch durchgelesen habe! Also nach diesen Erfahrungen - da müsste er mit einem „entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen“ hier noch gut bedient sein.




Kundenorientierung, auch wie soll ich dass denn bewerten? Ich stehe doch nicht immer hinter ihm, wenn er mit Kunden telefoniert. Ich kann da eigentlich gar nichts zu sagen - ich glaube ich gebe ihm da ein „entspricht den Anforderungen“, mit der mittleren Bewertung kann ich wohl am wenigsten falsch machen.





Teamfähig - ja das ist Herr Dickmann! Er ist wohl bei den Kollegen recht beliebt, und hat sich total schnell eingelebt in das Team. Das hat man auf unserem Abteilungsfest ja gesehen, und die Koteletts, die er da gegrillt hat, die waren auch echt lecker - aber das tut ja hier nichts zur Sache. Ich rechne ihm hoch an, dass er mit Herrn Piller zusammen in einem Zimmer arbeitet - und er hat sich noch nie darüber beschwert. Grade um diese Zimmerzusammensetzung, da sind ja - bevor Herr Dickmann uns verstärkt hat - viele Tränen geflossen. Also, in diesem Punkte gebe ich ihm ein „übertrifft die Anforderungen“.

Und der nächste Punkt: Kritikfähigkeit und Konfliktfähigkeit, das fällt ja den jungen Inspektoren allgemein schwer. Nur weil Sie glauben, ein Hochschulstudium absolviert zu haben, glauben sie, alles besser zu wissen. Sie überschätzen sich ganz erheblich. Klar, sie können Ihre Auffassungen meist auch belegen, aber zuweilen sehen sie die Sache doch zu verbissen. Also, in Kritikfähigkeit, da kann ich nicht über ein „entspricht den Anforderungen“ hinausgehen.




Der Bereich Präsentationsverhalten, ja da fällt mir doch das letzte Fortbildungsseminar ein, wo ich ihn bat, einen kleinen Vortrag über die neuen Entwicklungen im Wohngeldrecht zu halten. Da wirkte Herr Dickmann doch sehr nervös, unsicher und irgendwie zu jungenhaft. Da gibt es sicherlich im unseren Hause viele, die das besser rüber bringen können. Bei dem Merkmal Präsentationsverhalten, da gebe ich im ein „entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen“.



Also, jetzt muss ich auch mal an die Gesamtnote denken. Ich denken, es müsste so auf eine "entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen" hinauslaufen. Sicherlich - Herr Dickmann hat sich schnell eingearbeitet und schafft jetzt einiges weg. Auf der Beurteilerkonferenz wurde uns doch klar gemacht, dass ein guter Beurteiler die ganze Notenbandbreite ausschöpfen soll - und da muss es auch Personen geben, die mit "entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen" geben. Und außerdem: Für eine Beförderung nach A 10 kommt Herr Dickmann in den nächsten drei Jahren eh nicht in frage, egal was ich ihm jetzt gebe. Man muss schon wissen, wie man die besseren Noten auch strategisch sinnvoll einsetzt - sonst bleiben meine Mannen und Frauen bei dem nächsten Beförderungsdurchgang noch ganz auf der Strecke. Für eine Gesamtnote „entspricht mit Einschränkungen den Anforderungen “ muss ich wohl einige Noten noch einmal nachjustieren. ...“